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Deutsch · 2021 · B3 Textbeschreibung Prosa

Hinweis: Bearbeiten Sie eine der 3 Aufgaben (B1/B2/B3)

Untersuchen Sie diesen Prosatext und beschreiben Sie dabei folgende Punkte:

  • den Titel und die sprachlichen Mittel in Bezug auf den Inhalt

  • die Merkmale der Kurzgeschichte belegt an Textbeispielen

  • die Erkenntnis der Hauptfigur

Formulieren Sie einen zusammenhängenden, gegliederten Text.


Text: Marion Miller: Das Glück

Sie begreift es nicht, kann es nicht fassen: 60.000 Mark, sechzig große Scheine.
Fünf Richtige mit Zusatzzahl: Sie hat richtig angekreuzt. Fünfzehn Jahre lang,
jeden Freitag, Zahlen markiert. Geburtstage, Hochzeitstage, Todestage;
fünfzehn Jahre geträumt, fünfzehn Jahre gebangt. In ihren von Gicht
verkrümmten Händen hält sie den Brief - ihr Name, die Summe, und:
„Wir dürfen Ihnen herzlich zu Ihrem Gewinn gratulieren!" Kein Irrtum, sie
ist gemeint. Fest umklammert sie das Papier, spürt, wie ihr eine Kälte ins
Gesicht steigt, verbirgt das Gesicht in den Händen, weint. Gestern noch
Rentnerin, gestern noch arm, gestern noch jeden Pfennig gespart, sich
nichts gegönnt, gestern noch an vollen Schaufenstern vorbeigeeilt. Geld
hatte sie nie. Und jetzt, dieser Moment. Sie legt das dunkelblaue
Sonntagskleid an, fährt in die Innenstadt, will dem Glück auf den Zahn
fühlen, sich Freude erkaufen, ihre Sehnsüchte bar begleichen. Überquellende
Schaufenster, ein Fest für die Augen, die Melodie des Rattenfängers:
kaufen, dazugehören, Geld ausgeben, glücklich sein. Die Verkäuferin
weist sie darauf hin, dieses Kleid sei teuer, wegen Stoff und
Verarbeitung. Ein Lächeln, sie will es anprobieren, sie hat ja Geld.
Bitte sehr, gnädige Frau. Dieses Wort hallt in ihren Ohren nach: gnädige
Frau! Zum allerersten Mal in ihrem Leben.

Das Kleid kauft sie nicht - der Spiegel hat sie verspottet. Auch keinen
Pelzmantel, der alte schwarze Wollmantel wärmt noch, hält noch ein paar
Winter. Keinen Farbfernseher: Ihre Augen sind erschöpft, eine chronische
Bindehautentzündung, feucht von allem, was sie in siebzig Jahren gesehen
haben. Kein Haus: Sie ist allein. Keine Reise in ferne Traumländer: An
Märchen glaubt sie längst nicht mehr. Fünf Richtige mit Zusatzzahl - wozu
das Geld? Fünfzig Jahre früher hätte sie es gebrauchen können. Ein Haus
für die Familie, eine Kur für den Ehemann, den teuren Arzt für das Kind,
den warmen Pelz, das elegante Kleid. Nie hat das Geld gereicht. Jetzt
braucht sie keines mehr. Der Schalterangestellte ruft den Direktor. Der
redet ihr gut zu, ob sie sich das wirklich gut überlegt habe: Geld legt
man an, damit es sich vermehrt. Niemand verschenkt sein Geld, nicht
einmal an die Kirche. Sie bleibt bei ihrem Entschluss, sie will das Geld
nicht behalten. Sie schreibt den Scheck, malt mit zitternden Händen die
riesige Zahl, ihren Namen: Zahlen Sie es aus meinem Guthaben aus.

Nach: Marion Miller: Das Glück. In: Glück und Sinn, Schulbuch für Ethik. Klett, 1987.

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